Mehr Frauen?

Das DIW betitelt eine Pressemitteilung mit „Auto-Mobilität: Mehr Frauen und ältere Menschen am Steuer“. In der taz ist dazu zu lesen:

„Frauen – über alle Altersgruppen gesehen – nennen häufiger ein privates Kraftfahrzeug ihr Eigen und nutzen es auch öfter als vor zehn Jahren, während Männer diesbezüglich bescheidener geworden sind.“

Irgendwie bekomme ich beim Lesen das Gefühl, dass Frauen jetzt besonders häufig hinter dem Lenkrad sitzen. Dass sie im Gegensatz zu Männern nicht umweltbewusster werden und häufiger andere Verkehrsmittel wählen. Die Frauen als Umweltsäue.

Sowohl der taz-Artikel wie die DIW-Pressemitteilung zeigen aber mal wieder die Schwierigkeiten der Interpretation von statistischen Daten. In der Pressemitteilung steht:

„Frauen spielen eine immer wichtigere Rolle im Pkw-Verkehr: Auf 1 000 Frauen kommen heute 400 Autos, vor zehn Jahren waren es rund 280 Autos. 1 000 Männer teilen sich rechnerisch etwa 715 Fahrzeuge.“

Die Überschrift dazu könnte auch lauten: „Fast doppelt so viele Männer haben Autos“. Denn 715 von 1000 Männer haben ein Auto, aber nur 400 von 1000 Frauen. Wieviele Autos 1000 Männer vor zehn Jahren hatten, teilt die Pressemitteilung nicht mit. Auf dieser Grundlage kann ich also nicht feststellen, wie sich das Verhältnis von Frauen-Autos zu Männer-Autos verändert hat. Ist es gleich geblieben? Hat sich der Abstand verringert oder vergrößert? Wenn diese Information vorliegen würde, liesse sich etwas über die Veränderung des Gender-Unterschieds aussagen.

Auf Basis der vorliegenden Statistik liesse sich auch titeln: „Frauen weiterhin viel umweltbewusster als Männer – sie verweigern sich der Angleichung im Autobesitz“ oder „Frauen scheinen weiterhin über weniger ökonomische Ressourcen zu verfügen“ oder ….

Anhand der explizit angebenen Statistiken lässt sich schön sehen, wer als normal angesehen wird und deswegen nicht besonders betrachtet werden muss: der mittelalte Mann. Über den erfahren wir nur indirekt etwas, dadurch das die Jungen, die Alten und die Frauen in Bezug zu ihm gesetzt werden.

Dass Männer bescheidener geworden sind, kann ich aus den Daten hingegen nicht ersehen.

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Fahrradmobilität für Flüchtlinge

Die taz berlin berichtet über Bike Aid Berlin. Aus deren Selbstbeschreibung:

„Bike Aid Berlin hat das Ziel, Flüchtlingen in Berlin und Brandenburg zu einem eigenen Fahrrad zu verhelfen. Der Gedanke, der diesem Projekt zu Grunde liegt, ist, Flüchtlinge in ihren prekären Lebenssituationen zu unterstützen, indem ein Mindestmaß an Mobilität ermöglicht bzw. vereinfacht wird.

Der Besitz eines Fahrrades kann helfen, diverse Aktivitäten zu ermöglichen, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, sich zu vernetzen und gemeinsam für die eigenen Rechte zu kämpfen. Wir wissen, dass wir damit der extremen Einschränkung der Bewegungsfreiheit durch institutionellen Rassismus (Residenzpflicht, Sachleistungen, Gutscheinsystem, dezentrale Zwangsunterbringungen) kaum etwas entgegensetzen können, erhoffen uns durch das Projekt jedoch eine Verbesserung des Alltags der Flüchtlinge.“


Technisch versierte Kund_innen

Die DB will die Zahl der Mitarbeitenden in Reisezentren kürzen, weil immer mehr Fahrkarten an Automaten und über das Internet verkauft würden. Die taz zitiert:

„Unsere Reisenden sind technisch versiert“, antwortete ein Bahnsprecher.

Eine interessante Behauptung. Will die Bahn nur noch die Reisenden, die ausreichend technisch versiert sind und über die notwendige Mittel (Internetzugang, Möglichkeiten zum bargeldlosen Bezahlen, etc.) verfügen? Hat sie kein Interesse an anderen Reisenden? Darf sie nicht ‚technisch versierte‘ bzw. nicht über die notwendigen Mittel verfügende Menschen immer mehr ausgrenzen?

In den letzten Jahren hat die Bahn alles gemacht, damit mensch nicht mehr in Reisezentren geht. An vielen Bahnhöfen gibt es gar keine oder sie sind kaum geöffnet. Der Kauf von Fahrkarten im Internet und am Automaten ist billiger. Nicht-DB-Reisebüros müssen eine Service-Gebühr erheben, wenn sie DB-Karten verkaufen (vgl. fairker-Bericht 2009). Bei kompliziteren Fahrten (insbesodnere ins Ausland) bezahle ich die in auf Bahnfahrten spezialisierten Reisebüros gerne, da die sich eindeutig besser auskennen bzw. bessere Angebote heraussuchen als die DB-Reisezentren.

Beim VCD-Bahntest 2010 wurden übrigens alle Fahrscheinkaufangebote der Bahn schlecht bewertet. Aber die Bahn will ja auch nur technisch versierte Reisende.


Was macht Broder in der radzeit?

In der neuesten Radzeit des ADFC Berlin interviewt Kerstin Finkelstein Henryk M. Broder und schreibt dazu:

Das Vergnüngen, sich mit dem wohl bekanntesten und korpulentesten Journalisten Deutschlands zu unterhalten hatte Kerstin E. Finkelstein.

Dann folgt ein Interview in dem Broder rein gar nichts zu umweltbewusster Verkehrspolitik zu sagen hat und trotzdem viel spricht.

Was soll das? Schon über die Migrations-Radzeit im Frühjahr hatte ich mich geärgert. Auch Menschen, die als MMMs (Menschen mit Migrationshintergrund) aus dieser Gesellschaft ausgegrenzt werden, fahren Rad und setzen sich für umweltbewusste Verkehrspolitik ein. In Vereinen, die ganz auf die Integrationsdebatte aufspringen und es für ein Vergnügen halten, mit Menschen wie Broder zu sprechen, ist für MMMs aber wohl wenig Platz. Ich habe da zumindest keine Lust drauf.


Nicht nur Dominanzdeutsche

Bei der vorletzten Zeitschrift fairkehr hatte ich mich gefreut. Endlich waren nicht all die umweltbewussten Verkehrsteilnehmenden dominanzdeutsch, sondern es gab auch ganz selbstverständlich ein paar etwas weniger dominanzdeutsch Aussehende (z.B. hier). Es fehlt in umweltpolitischen Organisationen ganz klar noch das Bewußtsein, dass auch Menschen wie ich Teil der Bewegung sind. Wenn die nicht ganz so Dominanzdeutschen auftreten, dann meist nur als Problemfälle (z.B. in der Radzeit).