„Wem gehört die Straße?“

… fragt das berlinweit kostenlos verteilte Anzeigenblatt „Berliner Woche“ in seiner aktuellen Ausgabe (in dieser pdf-Datei auf Seite 6 bzw. auf der Print-Seite 11). Der Autor bezieht dabei eindeutig Position – gegen Radfahrer und für Fahrradkennzeichnung, Helmpflicht und ähnliche Sperenzchen. Seine Argumentation ist teilweise haarsträubend:

Kein Verkehrsmittel hat so viele technische Mängel wie Fahrräder, keines wird häufiger gestohlen – und keines ist so folgenschwer in Unfälle verwickelt. 6200 Rad-Unfälle wurden im vergangenen Jahr in Berlin registriert. Da sind zwar rund zwölf Prozent weniger als 2009, doch unter den 44 Verkehrstoten waren mehr Radfahrer als Autoinsassen. […] Radfahren, sagen viele Skeptiker angesichts solcher Zahlen, müsse man nicht unbedingt im Großstadtverkehr. Hauptunfallursache sind Fehler beim Abbiegen. Selbst dann, wenn Radfahrer auf separaten Radspuren unterwegs sind.

Und so weiter und so fort. Fassen wir kurz zusammen: Weil Radfahrende sogar auf Radspuren (von AUTOFAHRENDEN) übersehen werden, sollten Radler_innen besser gar nicht in der Stadt fahren. Sollen sie doch in ihrer Freizeit durch die blühende Natur fahren, für etwas anderes ist das Rad ja eh nicht zu gebrauche. Da wird es dann vielleicht auch nicht gestohlen.

Doch auch Radspuren sind pfui-bäh:

Zwischen Walter-Schreiber-Platz wurde in beiden Richtungen die rechte Fahrspur zum Radweg. Seitdem herrscht in Spitzenzeiten Chaos. Solche Maßnahmen, klagt das motorisierte Lager, sorgten für zusätzliche Staus im Berufsverkehr.

Was wohl passieren würde, wenn die geschmähten Radler_innen alle ihren Drahtesel stehenlassen und statt dessen ins Auto (durchschnittliche Auslastung natürlich 1,4 Personen pro Fahrzeug) steigen würde? Dann würden Stau und zähfließender Verkehr natürlich wie von Zauberhand verschwinden. Klarer Fall.

E-Bikes und Pedelecs knöpft sich der Autor auch noch einmal vor.

Mühelos und geräuscharm fährt man mit ihnen 25 Stundenkilometer. Das ist auch Wasser auf die Mühlen derer, die bereits für normale Fahrräder eine Kennzeichnungspflicht und regelmäßige TÜV-abnahmen fordern. Diskutiert wird auch, Helme, Warnwesten und einen Radführerschein zur Pflicht zu machen. Sinn würde das durchaus haben. Denn, was die meisten nicht wissen, bei krassen Fehlverhalten auf dem Fahrrad droht heute schon der Führerscheinentzug.

Wie verwerflich: Schnell und bequem (Pfui!)  in der Stadt (Pfui!) unterwegs zu sein, ohne die Umwelt zu schädigen, ohne Geld für Benzin auszugeben. Und das auch noch in Massen. Das gehört verboten! Und wenn die Radler_innen dann von Autofahrenden beim fehlerhaften Abbiegen umgekachelt werden, sind sie selbst schuld. Hätten sie (die Radler_innen wohlgemerkt) doch  eine Fahrerlaubnis gemacht und ein Kennzeichen getragen. Das hilft bestimmt. Nicht.

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Elektroräder-Boom und Probleme

Die taz stellt einen Artikel unter den Titel Elektroräder-Boom macht Probleme und ich überlege, welche Probleme wohl gemeint sein könnten: vielleicht geht es um Umweltbelastung? Oder um das Miteinander mit Verkehrsteilnehmenden ohne Motor? Im Artikel geht es dann aber erstmal um die Gefahr von Unfällen mit Autos. Das ist doch kein Problem der Elektroräder, sondern der Autos. Später wird dann ein wirkliches Problem der elektrisch-verstärkten Räder angesprochen: wenn diese auf Radwegen zu schnell fahren und damit andere gefährden. Zum Abschluss wird der Artikel wieder seltsam, indem er suggeriert, dass ‚Renter‘ und ‚Menschen mit Behinderung‘ auf Elektrorädern eine besondere Gefahr darstellen. Natürlich muss eine jede Person, ihr Fahrzeug beherrschen. Natürlich ist Geschwindigkeit ein Problem und sollte bei Elektrorädern wie bei Autos auf die Höhe begrenzt bleiben, die gut beherrschbar ist. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ‚Renter‘ und ‚Menschen mit Behinderung‘ ein besonderes Verkehrsrisiko darstellen (wenn sie genug Aufmerksamkeit auf den Verkehr richten können). Wenn sie Mobilitätseinschränkungen haben, werden sie wahrscheinlich aufpassen, dass sie sich nicht durch Unfälle verletzen.

Ich glaube, über Probleme mit Elektrorädern lässt sich durchaus reden. Diesen Artikel fand ich allerdings seltsam.